Schlafentzug, Stillen & Sprache lernen: Erkenntnisse einer Mama im Ausland

Ich war nicht immer so. Wenn Menschen mich heutzutage kennenlernen, beschreiben sie mich oft mit den Worten "Ruhepol", "besonnen", "in sich ruhend", "angekommen". Vor vielen Jahren, als Mama von Kleinkindern, die nebenher noch ein Geschäft aus dem Boden stampfte, sah die Welt noch anders aus.



Ich war regelrecht erschöpft - und dementsprechend nicht imstande, auch nur ein gutes Haar an mir, meinem Mann oder meinem Umfeld zu lassen. Schlafentzug, so musste ich feststellen, weckt das Tier in mir. Rückblickend war ich sehr oft traurig, einsam und überfordert - in einem neuen Land, mit schreiendem Baby, das sich gegen jeden Schlaf zu wehren schien, ohne Familie, Freunde oder Unterstützung. Ich hatte, so kam es mir vor, keine einzige Minute für mich, als Katie.


Ich hasste mich. Meinen Körper. Meine roten, juckenden Schwangerschaftsstreifen, mein müdes Gesicht, meine stumpfen Haare. Den Haarausfall. Während mein Baby immer kräftiger wurde, nahm ich immer mehr ab. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes ausgezehrt. Jedes Foto von damals erschreckt mich ein wenig. Hat denn niemand gesehen, wie nötig ich Hilfe gebraucht hätte? Vermutlich nicht, weil ich es mit einem Lächeln abgetan, mit barscher Stimme abgewehrt oder gar nicht erst in Erwägung gezogen hätte, fremde Hilfe anzunehmen.


Das ist so eine Sache, die ich wirklich unterschätzt habe: Wie es ist, fernab von jeglicher Vertrautheit ein warmes Nest aufzubauen. Wie es sich anfühlt, bei jeder Frage und Entscheidung auf sich allein gestellt zu sein - mit der Verantwortung für einen kleinen Menschen, der rund um die Uhr - 24/7 - an einem zupft, hängt und nuckelt.

Klar: Auch in England gibt es Ansprechpartner für neue Mamis. Es gibt Spielgruppen, Stillgruppen, Heimbesuche... als kompletter Neuling in einer fremden Kultur und Sprache fühlte ich mich aber schrecklich unwohl, irgendetwas davon in Anspruch zu nehmen. Und dann waren noch die unaufhörlichen Gedanken, die ständig durch meinen übermüdeten Kopf rasten:


Wenn ich wirklich jemandem erzählen würde, wie es mir geht - dann kommen die Behörden, nehmen mir meine Tochter weg, und ich werde sie nie wieder sehen. Vermutlich werde ich ausgewiesen. (Unglaublich, was Schlafentzug mit dem Gehirn macht. Damals fand ich meine Gedanken jedenfalls völlig schlüssig und glaubwürdig.)


Heute weiß ich: Alles wird gut. Auch die dunkelsten Momente ziehen irgendwann vorüber. Irgendwann darf ich auch wieder schlafen. Meine Ängste und Sorgen als frischgebackene Mama waren völlig normal.



Aber ich würde es wahrscheinlich auch nie wieder so machen: Auszuwandern, hochschwanger, ohne echte Vorlaufzeit, Einfindungsphase oder Anschluss.

Und obwohl ich gut Englisch sprach, als wir nach Mittelengland zogen - es ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer, von den innersten Gefühlen zu sprechen, mit all den Feinheiten und Nuancen, und genauso verstanden zu werden, wie man in seiner Muttersprache hätte verstanden werden wollen.

Das ständige "Umdenken" und "Vorübersetzen" im Kopf macht schrecklich müde und ist zermürbend, wenn man einfach nur drauflos erzählen oder etwas Konkretes hören will.


Neben zwei Schwangerschaften und Geburten in England gab es dann noch die vielen Fehlgeburten - wo ich mich oft so unverstanden und allein gefühlt habe. Bis endlich Untersuchungen eingeleitet wurden, hatte ich schon mehr durchgemacht, als jede Frau (und jeder Partner) im Leben erleiden sollte. (Das System ist ganz anders als in Deutschland: hier wird viel weniger auf Voruntersuchungen, Vorsorge und regelmäßige Kontrollen gesetzt. Den Frauenarzt, wie wir ihn kennen, gibt es hier nicht - es sei denn, man wird aufgrund eines medizinischen Bedenkens vom Hausarzt (GP) an einen überwiesen.) Oft hätte ich mir gewünscht, mehr an die Hand genommen und betreut zu werden. Hier rotieren die GPs aber fast jede Woche: so musste ich meine Leidensgeschichte jedes Mal aufs Neue schildern. In einer Fremdsprache. Ich war so unendlich müde und gereizt manchmal.


Heute sehe ich es als großes Geschenk an, zu wissen, wie viel ich als Frau und Mama alles schaffen kann. Das Mamasein im Ausland hat mir eine Stärke und Resilienz gegeben, die mich heute Bäume ausreißen und gelassen auf vermeintliche Herausforderungen reagieren lässt.

War es einfach? No way.

Wäre es leichter gewesen, in meine Heimatstadt zurückzuziehen? Absolut.


Aber ich hatte es mir so ausgesucht: mein Abenteuer, mein Leben im Ausland als kleine Familie... die beste Entscheidung überhaupt, wie ich heute ohne Zögern sagen kann.


Es war gut, meinem Herzen zu folgen. Meinen Töchtern eine Kindheit in Südengland schenken zu können, von der viele nur träumen können. Mir selbst diese Stille und Natur zu schenken, die für meine persönliche Weiterentwicklung so wichtig waren. Uns als Familie Raum zu geben, um zu einem starken Team heranzuwachsen.


Heute bin ich anders. Angekommen. Mit jeder Zelle meines wundervollen Körpers.



Katie Caiger, 2010 erst nach Mexiko, dann nach England ausgewandert. Mama von Lena (8) und Mischa (5) und Ehefrau von Dan, dem besten Ehemann der Welt. Danke für Deine unermüdliche Unterstützung in den dunkelsten Stunden. Du bist das beste Team, das ich mir hätte wünschen können.


#auswandern #südengland #expatcoaching

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©2020 liebevoll erstellt von Katie Caiger

Die Auswanderin Expat Coaching mit Herz is a trading name of Katie Caiger Coaching Ltd, a company registered in England and Wales. Company Number: 11715112.

Photography (c) by Katie Caiger & Emma Frances