VE Day: Britischer Nationalstolz und Bauchschmerzen

Morgen jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal. Hierzulande wird der VE Day, kurz für Victory in Europe Day ("Sieg in Europa"), mit einer Euphorie gefeiert, die mir jedes Jahr aufs Neue Bauchschmerzen bereitet. Gestern flatterte eine E-Mail von der Gemeinde ins Postfach: Da wir aufgrund von #Corona schließlich ans Haus gebunden seien, hier einige Vorschläge, um den VE Day gebührend im Garten zu feiern. Man könne sich ja wie in den 1940ern kleiden, Kriegsmusik spielen und Wimpelketten aus Union Jacks (britische Flaggen) zur Deko basteln. Da war es wieder, das mulmige Gefühl, dass mich auch im November zum Remembrance Day (Gedenktag für die Gefallenen beider Weltkriege) immer wieder heimsucht...



Als ich 2010 schwanger wurde und sich die politische Lage in unserem Gastland Mexiko immer weiter zuspitzte, stand schnell fest, dass wir nach Europa zurückwollten. Weil mein Mann Daniel Engländer ist und Familie auf der Insel hat, fiel die Entscheidung dann auf England.


Ich war schon immer ein bisschen verliebt in das Land - die Höflichkeit der Menschen, die Pubs, die Landschaft, der wundervolle Akzent, die Geschichte... alles war irgendwie anders, Niedlicher, netter. Vielleicht war meine Begeisterung auch nicht zuletzt gefärbt durch die sonntäglichen Rosamunde Pilcher-Schnulzen, die ich mir so gerne eingekuschelt mit meiner Mama und Schwester angesehen hatte.


Auch mein Opa väterlicherseits, der in der Schule nur Russisch gelernt hatte, spornte mich immer wieder an mit seiner Liebe fürs Englischlernen. Er war ganz vernarrt in die Briten mit "ihrer makellosen Etikette". Wo genau er das stereotype Bild herhatte, sollte ich nie erfahren.


Nie verlassen hat mich allerdings die Tatsache, dass er als kleiner Junge englische Flieger sah, die an einem Tag so tief flogen, dass er "deren Sommersprossen zählen konnte".

Mein Opa war ein toller Mann; warmherzig und sanftmütig. Und, obwohl er als Kind den Krieg erlebt hatte, war seine Liebe für "den Engländer" im Alter größer als je zuvor. Auch meinen Mann nahm er, genauso wie meine Omas auf beiden Seiten, mit einer fast rührenden Warmherzigkeit in die Familie auf.


In der Familie meiner Mutter hat der Zweite Weltkrieg große Opfer gefordert. Das Leid war so unvorstellbar, dass nach dem Krieg einfach nicht mehr "über die alten Zeiten" gesprochen wurde. Ich weiß, dass meine Oma viele Geschwister verloren hat. Meine beiden Opas verloren ihre Väter an der Front. Auf englischer und deutscher Seite kamen Teile unserer Großeltern im Rahmen der Kinderlandverschickung bei wildfremden Familien unter. Immer wieder hörte ich als Kind Geschichten von meiner Mama, wie ihre Onkel bei Nacht und Nebel als Knirpse Kartoffeln auf dem Feld klauen mussten, um die Familie irgendwie satt zu bekommen. Die Beute wurde dann so emsig geschält, dass man das Licht durch die Kartoffelschalen fallen sehen konnte. Die Not war groß, die Geschichten sind nicht neu.



Unsere beiden Kinder verstehen bereits, dass es bei Kriegen keine wahren Gewinner oder Verlierer gibt. Zivilisten leiden immer, auf beiden Seiten. Wenn in der Schule im Geschichtsunterricht von "den Deutschen" erzählt wird, sind meist die Nationalsozialisten gemeint. Auch das weiß unsere Älteste bereits zu unterscheiden.


Mir bereitet das Ganze Bauchschmerzen, weil das Thema Krieg immer wieder auftritt, kaum aber erklärt wird, WAS eigentlich zu beiden Weltkriegen geführt hat und welche Lehren man daraus ziehen kann - das wäre doch viel wichtiger, oder?


Wenn um 11.00 Uhr die zwei Schweigeminuten zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges eingeläutet werden, werde ich vor allem Danke sagen.


Danke, dass wir in Frieden leben dürfen. Danke, dass wir heute hier sein dürfen und eine vor 75 Jahren noch völlig undenkbare Ehe zwischen einer Deutschen und einem Engländer führen können. Danke, dass unsere Kinder völlig selbstverständlich mit zwei Sprachen und Kulturen aufwachsen dürfen.


Love always wins.


In diesem Sinne,

Alles Liebe und viel Gesundheit!


Deine Katie



#lebeninEngland #DeutscheinEngland #Kriegsende #denglisch

Sag hallo

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